Warum und zu welchem Zweck brauchen wir eine Webwissenschaft?
Die Etablierung und massenhafte Nutzung des Internets und seines Dienstes, dem World Wide Web (kurz: Web), bedeutet aus medien- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive eine Revolution in der Entwicklung der Medien. Man kann das Web in seiner Bedeutung für die Entwicklung der Gesellschaft gar nicht überschätzen. In der Mediengeschichte ist die Entwicklung des Webs allenfalls vergleichbar mit dem Beginn des Buchdrucks. Als Johannes Gutenberg im Jahr 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, bewirkte er nicht nur eine medientechnische Errungenschaft, sondern veränderte die Welt. Einen ebenso dramatischen Entwicklungssprung in der Mediengeschichte mit gravierenden Auswirkungen auf die Gesellschaft erleben wir derzeit durch das Web. Johannes Gutenberg ist Ende des letzten Jahrhunderts zu Recht zum Mann des Millenniums gewählt worden. Im April 2004 wurde in Helsinki ein neu geschaffener Millennium-Technologiepreis vergeben – er ging an den Entwickler des World Wide Web, den britischen Physiker Tim Berners-Lee. Kein geringerer als Tim Berners-Lee hat (in Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftlern) im August 2006 in einem Artikel in der Zeitschrift Science die Begründung einer Webwissenschaft gefordert (Creating a Science of the Web und eine Community von interessierten Wissenschaftlern gegründet. Ausgehend von dieser Initialzündung für die Ausdifferenzierung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin wird nachfolgend der Gegenstandsbereich der Webwissenschaft skizziert.
Die rasante Entwicklung des Internets seit Mitte der 1990er Jahre war vorrangig technisch induziert. Die massenhafte Nutzung des Webs durch alle Bevölkerungsschichten wirft Fragen nach den Strukturen, der Bewertung, der Einordnung, der Medienwirkung, der Medienkonvergenz und grundsätzlich der Medienentwicklung auf. Die Medien- und Kommunikationswissenschaft ist nun gefordert, nicht nur in ihren Teildisziplinen (Medienwirkungsforschung, Medienpsychologie, Medienrecht, Medienästhetik, Mediengeschichte, Medienpolitik etc.) auf die Ausbreitung des neuen Online-Mediums zu reagieren, sondern es stellen sich vermehrt grundsätzliche Fragen der Kommunikation und Rezeption sowie der Chancen und Potentiale des Webs, die zum einen die Entwicklung des neuen Mediums betreffen, zum anderen nicht losgelöst von den klassischen Medien beantwortet werden können. Die Etablierung einer Webwissenschaft und ein differenzierter Blick auf das neue Medium Internet können Schritte in diese Richtung bedeuten. Auf Grundlage und unter Einbeziehung medien- und kommunikationswissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse gilt es einen webwissenschaftlichen Ansatz zu entwickeln.
Die Webwissenschaft wird allerdings ihre Wurzeln nicht allein im klassischen Repertoire der Medien- und Kommunikationswissenschaft haben, sondern interdisziplinär angelegt sein müssen. Nach wie vor wird die Weiterentwicklung des Web(s) auch von den technischen Innovationen bestimmt. Seine Nutzung hat neben der ökonomischen und rechtlichen vor allem eine soziologische Dimension. Zugleich werden grundlegende philosophische und medienethische Fragen aufgeworfen. Es ergibt sich also eine Wissenschaft, die im Schnittpunkt zwischen sechs klassischen Disziplinen angesiedelt ist: Medien- und Kommunikationswissenschaft, Rechtswissenschaft, Ökonomie, Soziologie, Computertechnologie und Philosophie. Diese Matrix beschreibt die Webwissenschaft als Grundlagenforschung.
Darüber hinaus wird sich jedoch eine angewandte Webwissenschaft etablieren müssen. Hierbei geht es darum, die konkrete Weiterentwicklung des Webdesigns, der Content-Produktion, des Retrieval, der Navigation und Usability. Die angewandte Webwissenschaft hat sich bereits im Umfeld des Studiengangs Online-Redakteur an der Fachhochschule Köln entwickelt. Hier wird neben der Ausbildung von hoch qualifizierten Online-Redakteuren auch an der Weiterentwicklung des Webs und seiner Qualität gearbeitet.
Köln, im Juni 2007